Mittwoch, 18. Februar 2015

Von Elvis bis Oasis



Was ist eigentlich los mit den ganzen Teenagern und anderen, jungen Erwachsenen? Ich sehe so unglaublich viele angepasste, junge Leute auf der Straße, in der Uni, in Lokalen. Junge Menschen, die sich bieder, gelangweilt und ohne einen Ansatz von Humor oder Neugierde durch die Welt bewegen. Da ist nix mit „brennen“, mit Enthusiasmus oder dem festen Vorsatz, die Fesseln von Elternhaus, Schule oder Ausbildung zu sprengen und in eine glorreiche Zukunft zu galoppieren. 

Ich finde es schade und traurig, dass Konservatismus, Materialismus und Unterordnung bei jungen, deutschen Menschen wieder einen höheren Stellenwert zu haben scheinen. Nach außen hin exaltiert lustig, crazy drauf, offen und doch angefüllt mit kleinbürgerlichen Vorstellungen, die sogar meine Oma als spießig empfinden würde. Ich frage mich: wo sind die "echten" Freaks geblieben?? Sie sind alle alt geworden.


Tod der Subkulturen


Ein Phänomen, das mir immer öfter auffällt, ist das großflächige Verschwinden der jugendlichen Subkultur, die vielen Generationen als Hort und Anlaufstelle für wilde Ideen, subversive Aktivitäten und Auflehnung gegen die Zwänge des Alltags dienten. Doch Subkulturen im klassischen Sinn, mit klaren, äußeren Erkennungsmerkmalen, eigener Sprache und präferierter Musikrichtung, existieren nur noch vereinzelt.


Wie beispielsweise Hip Hop, Punk, Gothic und die Metalszene, die ihre goldenen Zeiten schon längst hinter sich haben und nur noch rudimentär den Flair von Rebellion und Provokation versprühen, für den sie mal bekannt waren. „Rebellion“ scheint mittlerweile in diesen Kreisen (aber nicht nur dort) ein schickes Accessoire zu sein, mit dem man kokettieren und Anerkennung aus den eigenen Reihen ernten kann.


Es entstehen auch keine nennenswerten, neuen Subkulturen mehr, sondern vermehrt Hypes und Szenetrends, die für relativ kurze Zeit begeistern und dann auf leisen Sohlen verschwinden, wie sie gekommen sind. In jüngerer Vergangenheit waren das beispielsweise Visual Kei oder Emo. Wie kommt es, dass diese „Bewegungen“ (zumindest bei uns) so schnell verblassen?  


 



 
Småland für Jugendliche

Meine Vermutung lautet, dass Jugendkulturen von heute neben Kurzweil, ein recht behagliches Zusammengehörigkeitsgefühl und ein konsumorientiertes Lifestyle-Paket das Wichtigste nicht mehr anbieten können: Ideale, der Wunsch, etwas grundlegend an gesellschaftlichen oder gar politischen Strukturen verändern zu wollen und die Überzeugung, gemeinsam Anstöße in die gewünschte Richtung zu schaffen.


Der damalige Emo-Trend führte es vor: an der Oberfläche eine perfekt durchdesignte Erlebniswelt, die Jugendlichen, die sich als „anders“ als die große Masse begreifen, einen kuscheligen Auslebungsspielraum bietet. Eine Erlebniswelt, die gleichzeitig nichts als den richtigen Look von ihren Teilnehmern verlangt: kein (Hintergrund-)Wissen, keine Prinzipien, keine Interessen, keine Denkfähigkeit, kein persönlicher Einsatz für übergeordnete Ziele oder Träume.


Überhaupt scheinen in aktuellen Jugendkulturen Bespaßung und Ablenkung Vorrang zu haben, wohingegen gemeinsame Werte, Ziele und Orientierungen in den Hintergrund rücken.Die unausgesprochenen Maximen lauten scheinbar “ Pose vor Position, Haben vor Denken, Akzeptieren vor Kritisieren“.



Everything is Flow 

Szenemitglieder bilden keine klar abgegrenzte Nischengruppe mehr, sondern sind oftmals ein loser, flexibler Verband von Menschen, die in ein paar Punkten Ähnlichkeiten aufweisen. Das kann auch als Vorteil angesehen werden: je weniger hermetisch abgeriegelt die Gruppe ist, desto offener, toleranter und weniger dogmatisch geprägt ist sie.

Zur Abschwächung dieser jahrzehntelangen Praxis des Isolierens und Abgrenzens von Szenefremden hat sicherlich die flächendeckende Verfügbarkeit und Nutzung des Internets beigetragen. Das Internet ist der entscheidende gesellschaftliche Faktor, der die Subkulturen vor und nach dem Jahr 2000 trennt. Früher musste man sich 1.) mühsam in die Musik, Looks und Verhaltensweisen der jeweiligen Richtung einarbeiten, und zwar durch direkten Kontakt zu den Mitgliedern und Aufenthalt in einschlägigen Clubs, Musikgeschäften und Lokalen, und 2.) sich die Akzeptanz der Mitglieder erarbeiten. Heute liegt auf dem digitalen Präsentierteller alles bereit, was man wissen will. Perfekt zum reinschnuppern, ausprobieren und informieren für Neugierige (wie mich).


Letztens las ich ein Interview mit Noel Gallagher, dem ehemaligen Leadgitarristen DER Britpop-Band der Neunziger, Oasis. Und dieser erklärt mal eben, auf seine bescheidene Art, wo’s langgeht:


(sinngemäß)



„Die Jugendkulturen von heute sind alle wertlos und irrelevant.“,


und


„Das Phänomen Jugendkultur begann mit Elvis und endete mit Oasis.“




Wo er Recht hat,…

Kommentare:

  1. Auf den Punkt gebracht!

    Ich war früher ein aktives "Mitglied" der Metal-, Rocker- und Hardcore-Szene, habe mich aber niemals tätowieren lassen, keine langen Haare wachsen lassen, kein Piercing (bis auf Ohrringe, die ich heute noch trage^^) machen lassen. Jede Subkultur ist auf den ersten Blick oberflächlich und definiert sich über äußere Erkennungsmerkmale. Mir war das damals schon zu dämlich, mich jetzt zu "verkleiden", nur weil es angesagt und cool sei.

    Ganz im Gegenteil habe ich eher das Gefühl, je mehr sich die Leute verkleiden und unbedingt auffallen -vermeintlich individuell- sein wollen, desto weniger Substanz und Lifestyle ist wirklich dahinter. Alles Show und Inszenierung - passt hervorragend in den heutigen Zeitgeist. Wenn ich mir die Texte von System of a Down, Sepultura, Slipknot oder auch Madball zu Gemüte führe, dann steckt da Substanz hinter. Ein Lebensgefühl. Veränderungs- und Gestaltungswille. Früher gehörte es beispielsweise zur Hardcore-Szene, dass man Veganer ist. Kein Alkohol, keine Drogen. Hinter den Emos steckt doch letztlich gar nichts.

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    1. Meine beste Freundin aus der Jugendzeit ist seit vielen Jahren in der schwarzen Szene unterwegs und so habe ich mitbekommen, dass dort seeehr viel über die Optik läuft und viel weniger über Tiefgründigkeit, Offenheit oder Diskussion, als man glaubt. Mir als "Nicht-Schwarze" fiel es schwer, mich überhaupt da einzufügen, obwohl ich es redlich probiert habe. Aber die tolerante Haltung, die vermeintlich in diesem Kreis herrscht, reicht eben doch nur bis zu äußeren Erkennungsmerkmalen.

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