Sonntag, 17. April 2016

Ist Scheiße vegan?



Deutsche Jugendliche leben immer gesünder. Sie rauchen weniger, trinken weniger, rennen fünfmal die Woche ins Fitnessstudio und ernähren sich von Chiapudding und Erdmandelmehl. Spätestens Anfang 20 wird dann nur noch vegan gegessen. Mich ödet das so an.
Ja, ich gebe es zu. Auch ich habe so eine Phase hinter mir. Etwa 1 Jahr   lang habe ich mich mit 20 vegetarisch ernährt. Irgendwann  habe ich dann wieder angefangen Fleisch zu essen, aber nie wieder in den Mengen, wie ich es von zuhause her kannte. Diese Reduzierung meines Konsums ist mir aber auch nicht schwer gefallen, da ich wirklich gerne Gemüse esse und oft auch keine Lust auf Fleisch habe.
Prinzipiell habe ich auch  nichts gegen vegane Ernährung. Da ich alles Mögliche gern esse, bestelle ich mir auch dann und wann gerne einen Veggieburger oder probiere ein veganes Kuchenrezept aus. Why not?
Trotzdem provoziert dieser ganze, fast religiöse Hype um vegane Ernährung bei mir oft nur Augenrollen.

via Pinterest

Deshalb stelle ich heute meine Top 6 an Aussagen vor, die mich von, wohlgemerkt Hardcore-Veganern nerven:



1.    Vegane Ernährung ist gar nicht teurer

Nö, natürlich nicht, wenn man sich nur von Gemüse und Obst ernährt. Wobei – Obst und Gemüse stammen dann in der Regel natürlich nicht aus dem Discounter. Schließlich muss ja alles Bio sein, wenn man es konsequent betreiben will. Denn letztlich ist das nicht nur eine Ernährungsweise, sondern eine komplette Ideologie. Aber dazu später. Ansonsten sind vegane Fertigprodukte, wie Tofu, Käse oder Mandelmilch sehr wohl teuer. Ich möchte wetten, dass eine Familie mit Hartz IV vermutlich nicht streng vegan essen wird, da ein 10 Euro teures Glas mit Mandelmus eher nicht so ins Budget passt. Eine junge Studentin, die sich Tag für Tag durch das Kayla Itsines Sportprogramm quält und glaubt, sich dazu noch vegan ernähren zu müssen, kratzt sich das Geld wahrscheinlich schon eher zusammen. Diese Mädels haben aber auch noch die Zeit sich den ganzen Tage nur mit sich selbst und ihrem Körper zu beschäftigen. Schließlich geht es neben dem Schutz der Tiere auch um Selbstoptimierung.


2.    Vegane Ernährung ist super easy

Wo ist es denn bitte einfach sich vegan zu ernähren? Wo wir wieder bei Punkt 1 wären. Ich esse gerne abwechslungsreich und möchte nicht ausschließlich gedünstetes Gemüse essen. Das geht wahrscheinlich wirklich schnell. Doch wenn ich mich abends nach der Arbeit noch in die Küche stellen muss, um mir ein veganes Bananenbrot mit veganem Frischkäse komplett selbst her zu stellen, finde ich das nicht gerade schnell gemacht. Schließlich kann ich dann nicht mehr in die Betriebskantine oder zum Bäcker in der Mittagspause gehen, wenn ich nicht jeden Tag Salat ohne Dressing essen möchte.
Aber hey. Ist ja wieder alles nur eine Frage der Organisation, werden die meisten sagen. Diese Veganhipster, die morgens um 5:30 Uhr Yoga machen, weil es so erfrischt, um dann um 6:30 Uhr an ihren Startups basteln. Ein bisschen Disziplin kann man schon erwarten, oder?

3.    Vegane Ernährung ist gesund

Naja. Kommt vermutlich darauf an, wie man es persönlich umsetzt. Aber wenn ich in veganen Shops das Angebot an Vitaminpräparaten sehe, schätze ich mal, dass einige Veganer aus Ermangelung an Lust und Zeit ihre Ernährung mit solchen Produkten ergänzen müssen. Die Tabletten sind natürlich ohne Schweinegelatine hergestellt, versteht sich. Super vegan also.
Healthy ist das neue Modewort. Vegane Produkte suggerieren diese Gesundheit. Dabei macht es mich nicht gesund, wenn ich Weizengrassaft oder Dattelpralinen esse. Diesen Denkfehler machen die meisten Menschen. Sie glauben, wenn sie Tofu essen, werden sie hundert Jahre alt. Ganz so, als besäßen diese Lebensmittel Zauberstoffe, die sie unsterblich machen. Das Motto vieler lautet dann: Viel hilft viel. Aber wenn ich mich den ganzen Tag mit Gojibeeren und Bananen vollstopfe, kriege ich höchstens Verstopfung.
Außerdem sind gerade vegane Fertigprodukte so voll von Zucker und Fett, dass ich mich frage, was daran gesund sein soll. Neulich habe ich eher aus Versehen bei Rossmann eine vegane Nougatschokolade gekauft. Die war echt der Hammer. So lecker. Beim  Blick auf die Zutatenliste wurde mir aber schnell klar, dass die Tafel  im Grunde nur aus Zucker bestand.
Auch ist vegan auch nicht in jedem Fall lecker, wie einige schwärmerische Veganer immer vorgaukeln wollen. Sorry, aber ich habe Mandelmilch und auch Sojamilch probiert und sie schmeckt einfach nur scheiße. 



4.   Vegane Ernährung ist Lifestyle

Eigentlich hätte dies auf  meiner Liste Punkt 1 sein müssen, so sehr hasse ich diese Perspektive auf vegane Ernährung. Ich sehe in der Bahn öfter eine Oma mit einem „Go Vegan“-Anstecker an ihrer beigen Jacke. Dabei ist genau diese Frau überhaupt nicht die Zielgruppe des veganen Lifestyles. Veganismus  ist mittlerweile zum Kennzeichen des erfolgreichen, schönen und disziplinierten Menschen verkommen. Noch plakativer gesagt: Gesunde, schlanke Menschen gelten als gut. Fette, ungesunde Menschen als schlecht.  
Gesundheit ist damit auch keine Privatsache mehr. Jeder kann dir mittlerweile empört rein reden, wenn du genüsslich in deine Schweineohrchips beißen möchtest.
Zudem  schmücken sich die meisten Veganer gerne noch mit dem Gefühl der Überlegenheit, da kein Tier für ihr Mittagessen sterben musste. Vor zehn Jahren hat es noch ausgereicht Vegetarier zu sein. Da war man schon irgendwie besonders. Mittlerweile ist es noch nur die lahme Vorstufe zum eigentlichen Ziel, zu dem man sich aber noch nicht ganz durchringen konnte: Veganismus. Vegetarier sind unfertig und haben es nicht geschafft, allem Tierischen abzuschwören.
Vor 10 Jahren konnte meine Freundin, die sich vegetarisch ernährt, noch guten Gewissens sagen, dass sie dies tut, um Tiere zu schützen. Die meisten Veganer lächeln heute darüber nur noch müde.


5.   Vegane Ernährung als Challenge

30 Tage vegan. So oder so ähnlich kündigen Blogger oder Youtuber ihren Einstieg in vegane Ernährung an. Mir stellen sich da sämtliche Nackenhaare auf. Der Begriff der guten, alten Selbstoptimierung kommt in mir wie Kotze hoch. Kann ich das vielleicht als Zusatzqualifikation in meinen Lebenslauf schreiben? Wieder zeige ich allen um mich herum meinen Leistungswillen und mein Streben nach Perfektion. Ein perfektes Leben, einen perfekten Körper, eine perfekte Ernährung, nichts weniger sollten wir anstreben. Wie heißt es in einem Spruch, den ich öfter in letzter Zeit lese: „Excuses don’t burn calories.“


6.    Vegane Ernährung schont die Umwelt

In einem Zeitartikel beklagte sich eine junge Frau, dass es keinen vernünftigen veganen Wintermantel gäbe. Nach langem Suchen fand sie endlich einen aus irgendeinem Plastikmaterial.  „Und jetzt?“ dachte ich nach der Lektüre. „Ist das jetzt irgendwie besser?“ Gut, es muss ja nicht die mit Daunenfedern gefüllte Steppjacke, mit Echtfellkragen sein. Bin ich jetzt auch gerade kein Freund von. Aber hat man jetzt durch den Kauf von Plastikmüll irgendetwas gewonnen? 


Fazit: Jeder muss am Ende selber wissen, ob er vegan leben will. Ich rede da niemandem rein. Ein bewusster Umgang mit Ressourcen und Leben ist sicher nicht verkehrt. Trotzdem halte ich vegane Ernährung nicht für den Heilsbringer, der einer säkularisierten Welt neuen Sinn stiftet und die diffusen Sehnsüchte des Einzelnen nach Ruhe und Naturverbundenheit befriedigt.
So und jetzt freue ich mich auf mein veganes Kochbuch, welches meine Freundin mir hoffentlich bald zum Geburtstag schenkt.



Kommentare:

  1. Guten Morgen :)

    Das angesprochene Thema ist kein einfaches, jeder sieht das anders. Ich finde Deine Sicht sehr interessant und kenne viele die sich damit identifizieren könnten.
    Natürlich ist der vegane Lebensstil weder günstig noch gesund wenn man sich von Fertigprodukten und Nahrungsergänzungsmittel ernährt. Ich denke aber, dass die Beschäftigung mit unserer Ernährung (die durchaus zeitaufwendig ist), den Menschen durchaus gut tut, da sie sehen was alles in ihrem Essen drin ist und eventuell auch begreifen was dahinter steht. Ebenso bin ich der Meinung wir sollten uns dagegen wehren was die Lebensmittelnindustrie uns auftischt.
    Zu den Punkten "Lifestyle" und "Challenge": ich fände es total herzlich eine Oma mit einem solchen Stecker zu sehen, ist mir aber leider noch nicht passiert. Ich denke das Bild von den "jungen, dynamischen, gesunden Anfang 20er Veganern" entsteht auch viel durch die Medien. Die meisten älteren Menschen haben nicht allzu viel mit YouTube etc zu schaffen (die meisten, nicht alle). Sie werden eventuell nicht so direkt damit konfrontiert und haben auch ganz andere Dinge in ihrer Kindheit erlebt. Vielleicht waren viele einfach nur froh überhaupt was zum Essen zu haben. (Hypothese von mir).
    Ich habe mich aber auch schon mit vielen älteren Menschen unterhalten die sich "bewusst" (wenig Fleisch und tierische Produkte) ernähren und sich mit dem Thema auseinander setzen.
    Jeder muss selbst entscheiden was er isst und was nicht, aber wir sollten uns alle über die Konsequenzen bewusst sein.

    Liebe Grüße, CoCo :)

    PS: Rechtschreibfehler sind bitte zu entschuldigen, mein Telefon entwickelt manchmal ein Eigenleben...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es ist auch kein einfaches Thema. Deshalb habe ich auch lange überlegt, wie ich es formulieren soll, da ich jetzt auch nicht grundsätzlich auf Veganern herum hacken wollte. Wie ich es auch im Fazit formuliert habe, muss am Ende jeder selbst wissen, ob Veganismus etwas für ihn ist oder nicht. Ich wollte aber mit meinem Text heraus arbeiten, dass viele unreflektiert und gerade zu fanatisch an diese Sache heran gehen, ohne zu sehen, dass alles zwei Seiten hat.
      Für mich wäre ein Mittelmaß toll. Ich habe mal gelesen, dass die Indianer sich bei jedem Tier bedanken, dass für sie gestorben ist. Auch das ist eine Möglichkeit bewusst mit Ernährung umzugehen. :)

      Löschen
  2. Ach ja, die Leute brauchen halt was, um sich "besonders" zu fühlen. Vor einigen jahren waren es noch Emos, Bio-Anhänger und Rockabillys. Nicht zu vergessen die ganzen kleinen und großen Subkulturen der Rocker, Hip Hopper, Techno-Freunde, Gothics, Metaller und so weiter. Die Veganer bilden da keine Ausnahme. Sie brüllen nur lauter. Und ihr Missionseifer und ihre dogmatische Haltung nervt -völlig zurecht- viele Menschen. Vor allem die Illusion, kapitalitische Ausbeutung, Kriege um Land und Rohstoffe sowie wirtschaftliche und politische Korruption mit einem veganen Ernährungsstil bekämpfen oder gar beseitigen zu können, ist fast schon niedlich, aber eigentlich peinlich. Ganz im Gegenteil freut sich die Industrie über jede neue plakative Marketingstrategie. Heute muss man Produkte nur mit "Bio", "nachhaltig", "vegan", "laktose- und glutenfrei", "regional" und so weiter bekleben, die Leute glauben dann an den guten Konsum und bezahlen gerne einige Euros mehr.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Im Grunde gibt es kein Entkommen. Sobald der Markt irgendeinen Trend für sich entdeckt hat, schlachtet er ihn gnadenlos aus und - Verzeihung für den Ausdruck - verarscht die Leute, die wirklich versuchen etwas zu verändern.

      Löschen
  3. Super! Danke für diesen wundervollen Artikel, der meine Meinung ganz gut wiederspiegelt. Nur zum letzten Punkt hätte ich eine Ergänzung. Veganismus schon ganz und gar nicht die Umwelt. Wieviele Wälder werden gerodet um Soja & Co. anpflanzen zu können? Siehe Bio-Kraftstoffe, die aus tollen pflanzlichen Stoffen hergestellt werden. Dass dafür aber irrsinnig viel Tropenholz verbrand wird um den Mais dafür anzupflanzen, interessiert keinen mehr... Hauptsache BIO?! Und Selbstoptimierer? Ich habe immer das Gefühl, als würden die sich selbst belügen, da sich diese Leute nicht mehr "normal" benehmen. Ich lassen mir nicht von meinem Smartphone vorschreiben, wieviele Treppen oder Schritte ich noch zu laufen habe, oder ob ich lieber den Apfel und den Keks verdrücke. Ich habe mein Smartphone seit einem halben Jahr in die Ecke gelegt (und mir ein cooles 10 Jahre altes Handy zugelegt) und optimiere mich selbst durch Zeitersparnis, weil nicht alle 2 Minuten das Telefon pling macht, um mir zu sagen, dass ich ein Katzenfoto auf Facebook verpasst habe...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt, dass mit dem Abholzen der Regenwälder, um Flächen für Sojaanbau & Co. zu schaffen, hatte ich auch schon gelesen. Allerdings wird auch viel Soja angepflanzt, um damit Kühe und Rinder zu füttern. Von daher ist vielleicht auf beiden Seiten, also Veganer und Omnivore ein bewusster, verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen angeraten. Letztlich geht es wohl um den Konsum an sich, egal ob Fleisch oder Paprika, für die in Spanien wertvolles Wasser verbraucht wird.
      Über diese Fitnessarmbänder wollte ich demnächst auch mal einen Beitrag schreiben. Die finde ich auch grenzwertig.

      Löschen
    2. Naja, das mit der Anbaufläche von Soja etc. für Veganer ist ja wohl eher absoluter Schwachsinn. Die meisten Pflanzen wie Soja und Mais werden ganz sicher nicht angebaut, damit Veganer sich davon ernähren können, sondern damit das Mastvieh, dass dann im Burger von McDonalds landet, damit ernährt werden kann. Selbst wenn sich alle Menschen vegan ernähren würden, würde dafür wahrscheinlich noch weniger Agrarfläche verbraucht, als für die Fleischproduktion. Schließlich müssen momentan einfach viel mehr Tiere ernährt werden, als es überhaupt Menschen gibt.

      Löschen
  4. promenadenmischung20. April 2016 um 13:48

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass
    eine Veganerin ein gesundes Kind zur Welt
    bringt, und: dass dieses Kind dann die vegane
    Ernährung bis zu seiner Pubertät übersteht.
    Veganer? Da gab es doch diese TV-Serie: Invasion von der
    Vega (oder Wega) – im amer. Original mit V geschrieben …

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Na ja. Ich denke schon, dass Veganerinnen gesunde Kinder gebären können. So weit ich weiß, ernähren sich viele Inder aus religiösen Gründen hauptsächlich vegan, auf jeden Fall vegetarisch. Sie haben ihr ganzes Leben lang noch kein Fleisch gegessen und kriegen auch Kinder. Seit vielen Generationen. Man muss dazu aber auch sagen, dass sie dann oft sehr fettig und sehr süß essen. Um genug Kalorien zu sich zu nehmen.

      Ich glaube, das ganze Thema ist sehr müßig, wenn man nicht wirklich Ahnung von Ernährung hat. Mich wollte noch kein Veganer "umpolen". Soll jeder essen, was er will.

      Löschen
  5. Zu den oben ausgeführten 6 Vorurteilen füge ich noch ein 7. hinzu: Veganer leiden an Mangelernährung. Deshalb gibt es auch keine Bodybuilder, die sich vegan ernähren. Falsch.

    Zum Flächenverbrauch für den Sojaanbau einfach mal einen Blick in den Fleischatlas werfen und diesen Blogtext danach in die Tonne hauen:

    http://www.ende-der-maerchenstunde.de/boese_boese_veganer/

    (Fleischalas); http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/landwirtschaft/140108_bund_landwirtschaft_fleischatlas_2014.pdf

    AntwortenLöschen